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PETZL: »Wichtig ist es, Routine für den Ernstfall zu entwickeln«

Auf der Baustelle unterliegt das Arbeiten in der Höhe einem besonders hohen Gefahrenpotenzial: Jede Unachtsamkeit, ein falscher Schritt sowie unzureichende Schutzmaßnahmen können Abstürze und damit schwere bis tödliche Verletzungen zur Folge haben. Seit seiner Gründung im Jahr 1975 setzt sich das Unternehmen Petzl mit genau dieser Problematik auseinander und hat seither eine Vielzahl an innovativen Lösungen auf den Weg gebracht, die das Arbeiten und Retten in der Höhe sicherer machen sollen. An vorderster Front steht hierbei der Einsatz von Persönlicher Schutzausrüstung (PSA) und damit professionelles Equipment, das im Ernstfall Leben retten kann. Aber genau hier zeigt sich ein weiteres Problem, denn selbst die beste PSA ist nutzlos, wenn sie nicht richtig Anwendung findet. Marek Proba, Leiter des Petzl Technical Institute (PTI), sowie Dennis Oezkol, Sales Manager bei Petzl Deutschland, gehen sogar noch einen Schritt weiter und stellen klar, dass PSA bei falscher Verwendung nicht nur nutzlos, sondern „darüber hinaus auch sehr gefährlich werden kann“. Im Gespräch mit bauSICHERHEIT-Chefredakteur Dan Windhorst berichten die Experten vom wichtigen Austausch zwischen Hersteller und Anwender sowie der zwingenden Notwendigkeit, sich gerade für Rettungsmaßnahmen in der Höhe ausgiebig mit dem Equipment zu beschäftigen und den Ernstfall zu trainieren. Denn in einer Notfallsituation sind alle Beteiligten hohem Stress ausgesetzt, weshalb die Rettungstechnik sowie der Umgang mit der Ausrüstung intensiv geübt werden sollte, um routinierte Abläufe zu schaffen.

Von Dan Windhorst

bauSICHERHEIT: Als Spezialist für den Schutz von Höhenarbeitern kennt Petzl das Gefahrenpotenzial, dem Industriekletterer und Baustellenarbeiter ausgesetzt sind. Das Unternehmen veranstaltet zudem regelmäßig Events, Weiterbildungen sowie Trainings. Wie wird das von den Anwendern angenommen und was kann Petzl als Entwickler aus diesen Veranstaltungen für sich selbst mitnehmen?

Marek Proba: Sowohl Fachmessen als auch spezielle Petzl-Events werden von Anwendern, aber auch Entscheidern sehr gut angenommen. Insbesondere bei beratungsintensiven Produkten ist der direkte Austausch zwischen Hersteller, Händler, Kunde und Anwender wichtig. Die Kommunikation und Diskussion mit dem Kunden über technische Problemstellungen und Lösungsansätzen ist nicht selten der Grundstein für neue Entwicklungen.

Dennis Oezkol: Um neue Lösungen und Produkte vorzustellen, nutzen wir natürlich unsere Aktivitäten auf den verschiedenen Fachmessen. Veranstaltungen wie das FISAT Technikseminar sind wiederum ideal geeignet, um als Ansprechpartner für Endanwender zu dienen. Dazu kommen Hausmessen und Schulungen, die wir speziell für Händler durchführen. Wir bieten darüber hinaus auch Ausbildungsmaßnahmen und Trainings für die Anwender, das umfasst sowohl standardisierte DGUV-Unterweisungen als auch weiterbildende Workshops für Trainer und Unterweisende.

bauSICHERHEIT: Beim Arbeiten in der Höhe steht die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) im Mittelpunkt. Sie bewahrt vor Abstürzen und kann im Fall der Fälle sogar Leben retten. Dennoch heißt es, dass eine PSA noch so gut sein kann – sie ist nutzlos, wenn sie falsch verwendet wird. Wie schätzen Sie das ein?

Marek Proba: Wir würden die Aussage sogar noch erweitern: Eine PSA kann sogar gefährlich werden, wenn sie falsch benutzt wird. Trotz des technologischen Fortschritts und der vielen neuen Produkteinführungen muss die Handhabung der PSA gezielt geübt werden. Jemand der „nur“ einen Gurt trägt, begibt sich erfahrungsgemäß schneller in eine gefährliche Situation, weil er ein Gefühl der Sicherheit hat, und das obwohl sein Verbindungsmittel oder der Anschlagpunkt eventuell völlig falsch verwendet wurde. Die Auseinandersetzung mit dem Equipment hat daher höchste Priorität.

bauSICHERHEIT: Ist die Nutzung Ihrer Produkte, insbesondere in der Höhen-Absturzsicherung, besonders beratungsintensiv?

Marek Proba: Grundsätzlich sind Petzl-Produkte sehr benutzerfreundlich und leicht zu bedienen. Die Kennzeichnung ist systematisch und auf allen Produkten einheitlich. Durch die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten der Produkte ist aber eine gute Beratung immer vorteilhaft.


bauSICHERHEIT: Was genau hebt Ihre Lösungen aber von den Mitbewerbern ab? Oder anders gefragt: Wo sehen Sie die größte Stärke von Petzl?

Dennis Oezkol: Access the inaccessible! Petzl entwickelt nun schon seit 50 Jahren Produkte, um die Arbeit in Höhen und Tiefen sicherer, einfacher und ergonomischer zu machen. Dabei liegt unsere oberste Priorität immer auf der Qualität unserer Lösungen und dadurch auch auf der Sicherheit des Anwenders. Unsere Produktpalette ist teilweise etwas überschaubarer als die unserer Mitbewerber, dafür aber gezielt auf die speziellen Bedürfnisse der verschiedenen Branchen ausgelegt.  

bauSICHERHEIT: Seien es Abseilgeräte, Seile, Helme oder Stirnlampen: Petzl hat sich mit vielen Produkten einen Namen gemacht: Was sind die aktuell wichtigsten Entwicklungen und darf man 2020 auf Neuheiten gespannt sein?

Dennis Oezkol: Die Entwicklung unserer Produkte ist eine Mischung aus bedarfsgerechtem Angebot und innovativen Neuerungen. Im Fokus liegt sowohl das Standard Produkt für die einfache Anwendung als auch die technische Raffinesse für detailverliebte Spezialisten. Auf Neuerungen darf man sich bei Petzl Jahr für Jahr freuen. Die großen internationalen Messen sind i.d.R. die Bühne für unsere Produktneuheiten.

bauSICHERHEIT: Kommen wir zur Praxis: Jede vertikale Rettungssituation in der Höhe unterliegt zwar individuellen Gegebenheiten, gibt es trotzdem Grundregeln, die jeder zu beachten hat? Oder anders gefragt: Was muss ich gerade mit Blick auf mein Equipment und mein Verhalten während einer Rettungsaktion beachten?

Marek Proba: Mit Blick auf unsere Produkte ist uns der Hinweis wichtig, dass die Ausrüstung für den Rettungseinsatz stets vollständig und in funktionsfähigem (geprüften) Zustand sein sollte. Wie immer bei Petzl betrachten wir allerdings das gesamte Szenario und da ist vor allem eines wichtig, nämlich Routine für den möglichen Ernstfall entwickeln. Am wichtigsten sind im Grunde die Maßnahmen, die vor einem Einsatz ergriffen werden müssen. Diese beginnen mit der Auswahl und Qualifizierung des Teams sowie mit der Beschaffung der richtigen Ausrüstung. Stehen beide Komponenten, muss eine geeignete Technik für mögliche Notfallsituationen entwickelt werden. Im Anschluss müssen diese Techniken intensiv geübt und immer wieder wiederholt werden, um die angesprochene Routine zu verinnerlichen. Jede Rettung ist eine Stresssituation für das gesamte Team, trotz aller Vorbereitungen und Trainings ist eine gegenseitige Kontrolle durch das sogenannte 4-Augen-Prinzip sehr wichtig. Natürlich ist es vorteilhaft, wenn sich die verwendete Ausrüstung leicht bedienen lässt und eventuell eine Sicherheit vor absehbaren Fehlern bietet, einige Produkte von Petzl haben deswegen zum Beispiel eine integrierte Anti-Panik-Funktion. In Paniksituationen haben wir Menschen einen starten Greifinstinkt. Wir halten uns eher an etwas fest, als dass wir etwas loslassen. Beim Abseilen hat der Anwender den Griff des Abseilgeräts in der Hand und steuert damit die Geschwindigkeit. Zieht  er immer weiter am Griff, so wird er immer schneller beim Abseilen. Gerät der Anwender in Panik und klammert sich am Griff fest und zieht diesen noch weiter auf, dann würde der Abseilvorgang immer schneller werden. Dank der Anti-Panik-Funktion stoppt das Gerät vollständig den Abseilvorgang, sobald der Anwender den Griff voll durchzieht. Nach dem Stoppen kann der Anwender die Situation neu analysieren und wieder weiter kontrolliert (langsam) abseilen. Generell muss man sagen, speziell bei Rettungen wird die gesamte Ausrüstung  und insbesondere die Rettungsgeräte sehr hohen Lasten (Gewichten) ausgesetzt. Meist kommt ja zu dem Gewicht des Patienten noch das Gewicht des Retters und der gesamten Rettungsausrüstung (z. B. Trage) dazu – dabei darf auf keinen Fall die maximale Nutzlast der Geräte überschritten werden. Anfang des Jahres hat Petzl ein neues, bis jetzt einzigartiges Produkt auf den Markt gebracht, das speziell auf diese schwierigen Ansprüche ausgelegt ist und Einsätze im Ernstfall deutlich erleichtert: das für technische Rettungseinsätze konzipierte Abseilgerät Petzl „Maestro“. Es erleichtert das Handling von schweren Lasten sowohl beim Ablassen als auch beim Hochziehen und kann als erstes Sicherungssystem oder zur redundanten Sicherung eingesetzt werden.

bauSICHERHEIT: Und abschließend ein Thema, das uns alle bewegt: Das Coronavirus hat uns alle fest im Griff. Noch ist nicht absehbar, welche Auswirkungen es auf die Wirtschaft hat. Und wir wollen auch keinen Blick in die Glaskugel wagen. Welche Maßnahmen hat Petzl aktuell ergriffen, um seine Mitarbeiter zu schützen und um einen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie zu leisten?

Dennis Oezkol: Der Schutz der einzelnen Arbeitnehmer hat für das Familienunternehmen Petzl höchste Priorität. Die aktuelle Lage wird in einem Krisenmanagement-Team sehr genau beobachtet und an die jeweiligen Empfehlungen lokaler Behörden etc. angepasst. Petzl hat außerdem sehr früh begonnen, die notwendigen Maßnahmen wie Mindestabstände, Homeoffice und Hygieneregeln umzusetzen. Eines lässt sich in diesem Zusammenhang ganz klar sagen: Genauso wie für unsere Produkte gilt, dass die Sicherheit jedes einzelnen Menschen immer an erster Stelle steht.   J

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