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CAMP: Traditionell und zukunftssicher

Inmitten majestätisch aufragender Bergketten – fernab von Lärm und staugeplagter Straßen – erweist sich der norditalienische Ort Premana, nördlich von Lecco, als Refugium jener, die mit der Schnelllebigkeit großer Städte nichts zu tun haben. Geprägt von einer langen Tradition in der Eisen- und Stahlbearbeitung ist Premana die Heimat von C.A.M.P., dem Spezialisten für Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA). Anlässlich seines Rebrandings (die bauSICHERHEIT berichtete darüber in Ausgabe 10/21 ab Seite 56) lud das Unternehmen die Redaktion dazu ein, das seit 1889 existierende Traditionsunternehmen und dessen PSAgA-Lösungen genauer kennenzulernen.

Von Dan Windhorst

Von Tobias Nickert

Aus dem Italienischen steht C.A.M.P. für »Construzione, Articoli, Montagna und Premana« und damit für die Herstellung, das Produkt, die Berge und den Hauptsitz des Unternehmens. Ein Blick auf das Rebranding des Markennamens und des neu gestalteten Logos verrät allerdings auch, dass es um weit mehr ging, als eine neue Identität zu schaffen. Verschmolzen wurden die Marken Camp, Cassin und Camp Safety, um das Neue mit dem Alten zu verbinden und sich künftig auf nur eine Marke zu konzentrieren. Tief verwurzelt ist C.A.M.P. vor allem mit Premana: Der kleine, idyllische Ort inmitten der norditalienischen Lombardei unweit des Comer Sees war »Geburtsort und Herzensangelegenheit zugleich«, wie Eddy Codega, Präsident bei C.A.M.P. im Gespräch mit bauSICHERHEIT-Chefredakteur Dan Windhorst verriet. Der charismatische CEO stellte klar, dass die verwinkelten Gassen und engen Passstraßen von Premana zweifelsohne eine Hürde für jedes Großunternehmen darstellen. Gleichwohl biete der überschaubare Ort jedoch etwas, was ihm große Industriegebiete abseits noch größerer Städte niemals bieten könnten. »Dieser Ort bedeutet Heimat, Familie und Tradition. Camp existiert bereits seit 1889 und ist so sehr mit Premana verwurzelt, dass Camp nicht ohne Premana und Premana nicht ohne Camp leben könnte.«

Eine lange Erfolgsgeschichte

Ein Blick hinter die Kulissen verriet schnell, dass C.A.M.P. die Verschmelzung von Altem und Neuem in vielerlei Hinsicht gelingt. Was mit einfachen Schmiedearbeiten begann, wuchs mit Amboss, Hammer und Zange mehr und mehr zum Spezialisten für sicheres Bergsteigen heran. Zwischen 1920 und 1950 war die Schmiede bereits über viele Grenzen hinweg für seine Eispickel sowie die Fertigung von Fels- und Bohrhaken bekannt. Im selben Zeitraum gesellte sich das Unternehmen Cassin nach Premana, um gemeinsam an neuem Bergsteiger-Equipment zu arbeiten. Heute ist C.A.M.P. in über 80 Ländern der Welt mit Niederlassungen in Frankreich, den USA, Russland und Deutschland vertreten. Und trotz der weitreichenden Expansion ist es bei Premana als Hauptsitz geblieben – eben jenem Ort, aus dem nach wie vor die meisten Mitarbeiter stammen. »Hier ist unser Zuhause – das unsere Wurzeln: In Premana schlägt das Herz von C.A.M.P. und das wird auch in Zukunft so bleiben«, so Eddy Codega, der das Unternehmen bereits in vierter Generation leitet und in den vergangenen Jahren vieles daran gesetzt hat, den vorherrschenden Platzmangel sowie eine erschwerte Logistik durch weitreichende Digitalisierungsmaßnahmen und ein ausgeklügeltes Fertigungssystem zu kompensieren.


Hier trifft Tradition auf »Fertigung 4.0«

Eines zeigte sich in Premana deutlich: Der Ort bietet keinen Platz für großindustrielle Fertigungshallen. Um zu Fuß von einem Produktionsstandort zum anderen zu gelangen, müssen inmitten dieses kleinen Bergdorfes enge Straßen, knappe Kurven und viele Treppenstufen überwunden werden. Umgeben von gewöhnlichen Wohnhäusern fertigt C.A.M.P. in einem Haus etwa Anschlageinrichtung wie den neuen »Enigma«–Wirbel, während ein paar Höhenmeter und Häuser weiter unten am Berg die Abseilgeräte oder Falldämpfer entstehen – und das in mühseliger Handarbeit. Ein gewaltiger Kontrast zeigt sich hingegen beim Betreten der Hauptproduktionsstätte, dem eigentlichen Hauptsitz des Unternehmens: Dort begegnet man hochmodernen Fertigungsmaschinen, 3D-Druckern, einem hauseigenen Labor, hoch technologisierten Prüfständen und Entwicklungsabteilungen, die sich über große Büroräume erstrecken. Laut Eddy Codega war es die Aufgabe von C.A.M.P., »neue Wege mit alten Pfaden« zu verknüpfen und so Synergien zu schaffen. »Natürlich sind die Anforderungen gestiegen und ohne jeden Zweifel lässt sich nicht alles auf Traditionen herunterbrechen – wir müssen uns immer wieder neu erfinden. Trotzdem möchten wir geschaffene Werte erhalten, sie weiterentwickeln und damit zukunftsfähig machen.«

Erfahrung als Eckpfeiler

Auf seine Traditionen zu setzen bringt bei C.A.M.P. einen weiteren wichtigen Aspekt mit sich: So modern die Design- und Entwicklerschmiede am Standort in Premana auch ist, sie fußt dennoch auf der Prämisse »von Profis für Profis« zu denken. Abseits von CAD-Zeichnungen, die zu ersten Skizzen und Formen führen, wendet C.A.M.P. auffallend viel Zeit, aber auch Räumlichkeiten dafür auf, neue Produkte zu testen. Das geschieht einerseits inmitten der hauseigenen Labor- und Testbereiche: Hier finden Schlagtests auf Helme, Reißfestigkeitsprüfungen von Schlingen und Gurten sowie Bruchfestigkeitstest bei Karabinern statt. Andererseits nimmt C.A.M.P. das »Testen« wörtlich, um »selbst in die Berge zu gehen«. Viele Mitarbeiter sind Sportkletterer und verbringen ihr Leben inmitten von Bergmassiv, Felssporn und Gipfel. Vom Prototypen bis zur produktionsreifen Lösung testen die Mitarbeiter alles unter realen Bedingungen. »Als Hersteller von professioneller PSAgA gibt es keinen Toleranzbereich für halbe Sachen: Unsere Lösungen müssen vor Gefahren schützen, müssen zuverlässig funktionieren – und das in Bereichen, die für den Anwender lebensgefährlich sind«, erklärte der für den deutschen Markt zuständige Country Manager, Christian Bickel, der ebenfalls jede freie Minute in den Bergen verbringt und die hauseigenen Produkte unter realen Bedingungen auf Herz und Nieren prüft.

Ein breites Produktportfolio

Hervorgebracht haben die vielen Jahre als Entwickler und Hersteller im PSA- und PSAgA-Segment eine breite Palette an Produkten. Dazu zählen Gurtlösungen, Schutzhelme, Falldämpfer und Verbindungsmittel sowie Anschlageinrichtungen, Abseilgeräte, Seile, Verbindungselemente und Karabiner. Gleichzeitig hat C.A.M.P. Rettungsausrüstung, Rucksäcke und Taschen sowie Grödel und viele Seil-, Helm- und Gurt-Zubehörteile im Repertoire. Viel Aufmerksamkeit erhalten derzeit die neu konzipierten Wirbelelemente »Gyro1« und »Enigma«: Letzterer kann vollständig geöffnet werden und ist mit großen schwingbaren Ringen ausgestattet, die eine direkte Verbindung von Metall- und Textilteilen ohne Zuhilfenahme von Karabinern möglich machen. Der Drehkörper ist laut Christian Bickel dabei »perfekt zwischen den schwingbaren Ringen integriert und ermöglicht eine unglaubliche Bewegungs- und Ausrichtungsfreiheit«. Das Design, so der Bergexperte weiter, ermögliche das Öffnen beider Ringe durch eine einzige Schraube. Dabei sei das Sicherheitsverriegelungssystem unabhängig und schließe entgegen der Arbeitsrichtung des Geräts, was eine einfache, aber eben auch sichere Montage biete. Im Inneren der »Enigma« befindet sich ein kugelgelagerter Drehmechanismus aus Edelstahl. Er ist mit Ringen und Zentralkörper aus Aluminiumlegierung für hohe Bruchlasten bis 23 kN sowie eine Arbeitsbelastung von 5 kN ausgelegt. Das Wirbelelement »Gyro1« hingegen soll große Bewegungsfreiheit mit geringen Abmessungen verbinden. Die Kugelverbindung, so Christian Bickel hierzu, ermögliche sowohl das Drehen als auch das Neigen zwischen den beiden Ringen mit einer auffallenden Kompaktheit. Gestaltet sei das Wirbelelement so, dass Schmutzansammlungen verhindert und eine Kontrollinspektion erleichtert werde. Als zentrale Struktur dient Karbonstahl mit doppelter Korrosionsschutzbeschichtung, welcher die beiden Befestigungspunkte , von denen einer aus Aluminium und der andere aus Edelstahl besteht, verbindet. Die Arbeitslast liegt beim »Gyro1« bei 3 kN, die Bruchlast bei 25 kN. Zu den aktuellen Neuheiten zählt darüber hinaus der flammfeste Gurt »FRX«. Als Komplettgurt, bestehend aus Para-Aramid-Gurtband und -gewebe, ist dieser für hohe Hitze-, Feuer- und Schnittfestigkeit ausgelegt. Die Arbeitstemperatur liegt hier bei bis zu 350 °C – die Schmelztemperatur hingegen bei 450 °C. Zu den wichtigsten Merkmalen zählt C.A.M.P. hierbei die innovative Konstruktion: Diese soll ein komfortables Tragen sowie ein einfaches Anziehen im Sitzen ermöglichen. Der ventrale Teil, so der Hersteller, kann durch den »Triad 3Lock«-Karabiner sowie die automatischen Schnallen im Beinschlaufeninneren vollständig geöffnet werden. Zudem stehen fünf farbcodierte Befestigungspunkte zur Verfügung: ventral für Hängeeinsätze, seitlich für Positionierungen und zum Rückhalten, sternal und dorsal zur Absturzsicherung. Ausgestattet ist der »FRX«–Gurt überdies mit Befestigungslaschen für die Tasche des »Druid Pro Fire«-Abstiegssets, zwei Materialschlaufen sowie zwei Halterungen für den Materialträger »Kilo«. Zur digitalen Identifikation ist der Gurt übrigens mit NFC-Track-Chip ausgestattet.  dc

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