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FISAT: » Der Pandemie mit Weitsicht und Disziplin begegnen«

Höhenarbeit verlangt nach einem Höchstmaß an Erfahrung, Sicherheit und Professionalität. Und genau hier kommt der Fach- und Interessenverband für seilunterstützte Arbeitstechniken e. V. (FISAT) ins Spiel, der einer ganzen Branche als Sprachrohr und Ansprechpartner dient. Der Verband berät, schult und informiert Anwender, um das Arbeiten in der Höhe künftig noch sicherer zu machen. Gleichwohl prüft und zertifiziert er Höhenarbeiter. Aufgrund der aktuellen Covid-19-Pandemie steht der FISAT jedoch vor einer gewaltigen Herausforderung: Einerseits muss alles getan werden, um die Menschen vor dem Corona-Virus zu schützen, andererseits dürfen der Arbeitsschutz und die Arbeitssicherheit dadurch nicht vernachlässigt werden. Im Gespräch mit bauSICHERHEIT-Chefredakteur Dan Windhorst berichtet Sven Drangeid, Leiter der FISAT-Geschäftsstelle, wie genau sich der FISAT inmitten der Pandemie verhält und welche Auswirkung das auf die aktuelle Verbandsarbeit hat.

bauSICHERHEIT: Herr Drangeid, das Jahr 2020 hat uns alle vor eine außergewöhnliche Herausforderung gestellt. Weltweit sind aufgrund der Covid-19-Pandemie strikte Lockdowns und konsequente Abstands- sowie Hygienemaßnahmen notwendig. Wie hat der FISAT den Beginn der Corona-Krise selbst wahrgenommen und intern darauf reagiert?

Sven Drangeid: Unsere Gesellschaft war auf eine derartige Situation einfach nicht vorbereitet. Es lag, Virologen und Epidemiologen ausgenommen, wahrscheinlich außerhalb unserer Vorstellungskraft, dass sich ein bis dahin unbekanntes bzw. neues Virus weltweit so schnell und verheerend ausbreiten kann und wir trotz der hoch entwickelten und flächendeckend vorhandenen medizinischen Versorgungsmöglichkeiten hilflos zusehen müssen, wie sich immer mehr Menschen infizieren. Die Vorstandsmitglieder und Mitarbeiter des FISAT haben sich erstmalig am 2. März 2020 und dann regelmäßig ausgetauscht. Am 11. März haben wir uns das erste Mal an unsere Mitglieder, die gelisteten Ausbildungsunternehmen und die durch uns zertifizierten Anwender gewandt und darum gebeten, die Notwendigkeit von Unterweisungen und weiterführenden Prüfungen kritisch zu hinterfragen und sofern möglich auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. In diesem Zuge haben wir die in unserem Namen und Auftrag agierenden Zertifiziererinnen und Zertifizierer informiert, dass wir jede individuelle Entscheidung, ob sie unter diesen Umständen weiterhin Prüfungen bzw. Wiederholungsunterweisungen abwickeln möchten oder nicht, vorbehaltlos akzeptieren. Das war einen Tag, nachdem das Robert Koch-Institut die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland als mäßig eingeschätzt und nach einem Abend, als in Leipzig noch ein Champions League Spiel mit über 40 000 Zuschauern stattgefunden hat. Bereits einen Tag später haben wir die für Ende März geplante Mitgliederversammlung und die Weiterbildung für unsere Zertifizierer abgesagt. Noch einmal drei Tage danach, also am 15. März, haben wir den Beschluss gefasst, Qualifikationen und Fristen für Wiederholungsunterweisungen zu verlängern, um Anwendern und deren Arbeitgebern die Entscheidung für oder gegen eine Präsenzveranstaltung zu erleichtern. Diese wurde auch umgehend kommuniziert.

bauSICHERHEIT: Der FISAT arbeitet als Fach- und Interessenverband eng mit Anwendern zusammen: Er informiert und berät seine Mitglieder, bietet zum Beispiel aber auch die so wichtige Zertifizierung von FISAT-Höhenarbeitern an. Welchen Einfluss hatte und hat Covid-19 auf die Prüfungen, Zertifizierungen und Unterweisungen?


Sven Drangeid: Vor allem die Entscheidung vom 20. März, den Prüfungsbetrieb vorübergehend komplett einzustellen, und die daraus resultierenden Folgen und notwendigen Folgemaßnahmen haben uns lange beschäftigt. Viele Höhenarbeiterinnen und Höhenarbeiter sind in systemrelevanten Bereichen wie Energieversorgung oder Telekommunikation tätig, in denen auch während einer Notlage sicher gearbeitet werden muss. Dies hat die Bundesregierung wiederholt betont, genauso den Ansatz, dass Handwerk und Mittelstand weiterhin tätig bleiben sollen. Hier war also die unternehmerische Fürsorgepflicht der jeweiligen Arbeitgeber beeinflusst. Durch die entsprechenden Fristverlängerungen von abgelaufenen oder ablaufenden Zertifikaten haben wir versucht, unseren Teil beizutragen, um in dieser Situation ein Stück Rechtssicherheit bieten zu können. Als Verband sind wir laut unserer Satzung der Vertretung der Mitgliederinteressen verpflichtet. Durch die Einstellung unserer Zertifizierungstätigkeit haben wir erstmalig in der mittlerweile 25-jährigen Geschichte des FISAT aktiv und direkt in die unternehmerischen Belange der bei uns gelisteten Ausbildungsunternehmen eingegriffen. Das darf und kann natürlich nur in einer absoluten Ausnahmesituation geschehen. Es war und ist wichtig, frühzeitig und präventiv zu handeln sowie alle Entscheidungen offen zu kommunizieren und adäquat zu begründen. Hierfür ist ein weitsichtiger und aktiver Vorstand essentiell notwendig, der sich trotz der Herausforderungen in den jeweils eigenen Unternehmen regelmäßig, ehrenamtlich und teilweise sehr kurzfristig per Videokonferenz zusammengefunden hat. Wir müssen auch weiterhin die Entwicklung im Auge behalten und haben auf die wieder steigenden Fallzahlen bereits reagiert, bevor die aktuell geltenden Einschränkungen durch die Konferenz der Länderchefinnen und Länderchefs mit der Bundeskanzlerin beschlossen wurden. So gilt z. B. für alle Qualifikationen, welche zwischen 1. Oktober 2020 und 28. Februar 2021 ablaufen, eine Nachfrist für die Auffrischung bis zum 31. März 2021. Damit nehmen wir den Druck von unseren Anwendern und deren Arbeitgebern, die Beschäftigten während der Phase der vorübergehenden Kontakteinschränkungen an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen lassen zu müssen. Auch wenn diese – Stand heute – in allen Bundesländern zulässig sind, da sich Beschränkungen hauptsächlich auf Institutionen und Einrichtungen beschränken, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind.

bauSICHERHEIT: Aufgrund der weiter andauernden Corona-Krise musste das für Oktober geplante 13. FISAT-Technikseminar abgesagt und auf das kommende Jahr verschoben werden. Können Sie unseren Lesern hierzu noch einmal die genauen Beweggründe erläutern und erklären, warum das Seminar so wichtig für die Branche ist?

Sven Drangeid: Nachdem der bundesweite Lockdown im März/April 2020 Wirkung gezeigt hatte, waren wir im Juli sehr zuversichtlich, das für Ende Oktober geplante FISAT-Technikseminar durchführen zu können. Wir organisieren diese Veranstaltung  jedes Jahr mit sehr viel Engagement und sind der Überzeugung, dass wir damit eine im deutschsprachigen Raum einzigartige Plattform für unsere Branche geschaffen haben. Atmosphäre und fachliche Inhalte sind auch im internationalen Vergleich ähnlicher Veranstaltungen ganz weit oben anzusiedeln. Wir schaffen es, Anwender, operativ tätige Unternehmen, HSE-Verantwortliche, Hersteller und Vertreter verschiedener regelgebender Institutionen und Behörden zusammenzubringen und damit den Austausch und die gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung zu fördern. Damit schaffen wir sukzessive Vorurteile aus der Welt und rücken die ein oder andere falsche Vorstellung von Seilzugangs- und Positionierungstechniken und den Anwendern zurecht. Medial wird die Branche nach wie vor gerne mit falschen Wesensmerkmalen in Verbindung gebracht. Aussagen wie »gefährlich«, »schwindelerregende Höhen«, »an nur einem dünnen Seil gesichert« oder »nur ein Fehltritt, dann ...« zeichnen leider immer noch ein Bild, welches dem Verfahren und den Anwendern nicht gerecht wird. Immerhin sprechen wir von einem auf europäischer Ebene legitimierten, regulierten und anerkannten Arbeitsverfahren, zu dem diverse gesetzliche und berufsgenossenschaftliche Vorgaben und Handlungshilfen existieren. Das Sicherheitsbewusstsein ist extrem hoch und das spiegelt sich auch bei der Themenauswahl des FISAT-Technikseminars wider. Gegen die Durchführung 2020 haben wir uns dann Anfang September entschieden. Auch wenn zum damaligen Zeitpunkt eine Veranstaltung unter Einhaltung strenger Hygieneauflagen möglich gewesen wäre, hatten wir die Befürchtung, dass sich die Lage nicht verbessern, sondern eher verschlechtern könnte. Leider hat sich das ja auch bewahrheitet. Abgesehen davon lebt das FISAT-Technikseminar, wie bereits angesprochen, vom Austausch und der persönlichen Interaktion. Dieser Mehrwert wäre bei Einhaltung von Mindestabständen, dem Wegfall der Abendveranstaltung und Kommunikation mit Mund-Nase-Bedeckung einfach weggefallen. Es war also die einzig logische Konsequenz. Umso mehr freuen wir uns auf den 24. und 25. September 2021, wenn wir uns hoffentlich ohne große Einschränkungen zum 13. FISAT-Technikseminar in der Congress Union in Celle sehen.

bauSICHERHEIT: Bund und Länder müssen zur Eindämmung der Pandemie besonders dynamisch auf SARS-CoV-2 reagieren, weshalb immer wieder neue Verordnungen und Richtlinien in Kraft treten. Wie sehr ist der FISAT aktuell davon betroffen und welchen Einfluss hat das auf einzelne Abläufe?

Sven Drangeid: Für uns ist es wichtig, die Entwicklungen genau zu beobachten und zeitnah zu reagieren. Im Bestfall werden Maßnahmen präventiv ergriffen. Die administrative Abwicklung im Hintergrund ist gewährleistet, da wir in der Geschäftsstelle des Verbandes und der Zertifizierungsstelle Abstände wahren können und für zwei von drei Mitarbeitern Telearbeitsplätze eingerichtet wurden. Durch die bundesweite Tätigkeit stellen die möglicherweise abweichenden Vorgaben der Länder bei der Durchführung von Prüfungen oder Unterweisungen eine besondere Herausforderung dar. Für diese Veranstaltungen gelten Empfehlungen zur Minimierung von Kontaktzeiten und Vermeidung von direktem körperlichen Kontakt, zum Beispiel im Rahmen von Rettungsübungen, die mit einem Dummy durchgeführt werden können. Es ist von großer Bedeutung, dass die anbietenden Ausbildungsunternehmen Hygienekonzepte entwickelt haben und sie konsequent umsetzen. Dafür möchten wir an dieser Stelle noch einmal Danke sagen. Massiv eingeschränkt sind wir jedoch bei der Abwicklung von Prüfungen in Österreich und in der Schweiz, denn diese würden, bedingt durch die Reisetätigkeit und die Dauer des Aufenthaltes am Zielort, im Regelfall eine vierzehntägige Quarantäne des anreisenden Zertifizierers nach sich ziehen. Am Ende sind wir alle gemeinsam in der Pflicht, die Infektionszahlen so niedrig als möglich zu halten, auch wenn dies vorübergehende Einschränkungen nach sich zieht und ein großes Maß an Disziplin erfordert.    dc

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