bauSICHERHEIT: Inzwischen ist sicherlich jedem zu Ohren gekommen, dass die Belastung durch Hitze und UV-Strahlung kontinuierlich ansteigt, und der eine oder andere hat es sicher auch schon am eigenen Leib bemerkt – gerade bei Arbeiten im Freien oder körperlich anstrengenden Tätigkeiten. Welche Bedeutung haben UV-Strahlung und Hitzebelastung aus Ihrer Sicht heute für die Arbeitssicherheit auf Baustellen?
Lisa Meissner: Aus unserer Sicht gehört UV-Strahlung und Hitze heute zu den zentralen Gesundheitsthemen bei Arbeiten im Freien. Dabei geht es nicht nur um akute Belastungen wie Erschöpfung, Konzentrationsverlust oder Dehydrierung, sondern auch um langfristige gesundheitliche Risiken wie Hautschäden und Hautkrebs. Ebenso beeinflussen hohe Temperaturen die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden. Deshalb sollte Hitzeschutz heute genauso selbstverständlich mitgedacht werden wie klassische Sicherheitsaspekte. Neben organisatorischen Maßnahmen spielen dabei auch geeignete Materialien und Bekleidung eine wichtige Rolle, um Beschäftigte bei ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen
bauSICHERHEIT: Beobachten Sie aufgrund des Klimawandels Veränderungen im PSA- und Workwear-Sektor? Ist beispielsweise die Nachfrage nach UV- und Hitzeschutzkleidung angestiegen?
Lisa Meissner: Wir beobachten, dass Themen wie UV-Schutz, Atmungsaktivität und Feuchtigkeitsmanagement in den vergangenen Jahren deutlich stärker in den Fokus gerückt sind. Viele Unternehmen beschäftigen sich heute intensiver mit der Frage, wie sie ihre Mitarbeitenden bei steigenden Temperaturen unterstützen können. Gleichzeitig hat sich auch das Bewusstsein aufseiten der Beschäftigten verändert. Eigenschaften wie Sonnenschutz, schnelltrocknende Materialien oder ein angenehmes Körperklima werden häufiger nachgefragt als noch vor einigen Jahren. Das zeigt sich auch in der wachsenden Bedeutung entsprechender Produktkategorien innerhalb moderner Workwear-Kollektionen.
bauSICHERHEIT: Welche gesundheitlichen Risiken werden im Baustellenalltag aus Ihrer Sicht noch immer unterschätzt? Hat sich das Bewusstsein in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren verändert?
Lisa Meissner: Besonders die langfristigen Folgen von UV-Strahlung werden im Arbeitsalltag noch häufig unterschätzt. Viele Menschen gehen davon aus, dass Kleidung grundsätzlich ausreichend vor Sonne schützt. Tatsächlich variiert die Schutzwirkung jedoch je nach Material, Gewebekonstruktion und Verarbeitung erheblich. Ein einfaches Baumwoll-T-Shirt kann beispielsweise nur einen vergleichsweise geringen UV-Schutz bieten. Wer regelmäßig und über viele Stunden im Freien arbeitet, sollte deshalb gezielt auf Bekleidung mit ausgewiesenem UV-Schutz achten. Positiv ist, dass das Thema heute deutlich präsenter ist als noch vor einigen Jahren. Die Anerkennung bestimmter Formen von Hautkrebs als Berufskrankheit hat zusätzlich dazu beigetragen, Aufmerksamkeit zu schaffen. Dennoch sehen wir weiterhin Potenzial, das Bewusstsein für präventive Maßnahmen zu stärken – sowohl auf Unternehmensseite als auch bei den Beschäftigten selbst.
bauSICHERHEIT: Carhartt gehört schon seit Langem zu den festen Größen im Bereich Arbeitskleidung. Das umfangreiche Portfolio deckt eine Vielzahl an Anforderungen ab – darunter auch die »Carhartt Force Sun Defender«-Kollektion. Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Entwicklung von Bekleidung für heiße Arbeitstage?
Lisa Meissner: Die größte Herausforderung besteht darin, unterschiedliche Anforderungen miteinander zu verbinden. Arbeitskleidung muss robust und langlebig sein, gleichzeitig aber auch leicht, komfortabel und für hohe Temperaturen geeignet bleiben. Gerade im professionellen Umfeld reicht es nicht aus, lediglich ein leichtes Material einzusetzen. Die Bekleidung muss weiterhin den Belastungen des Arbeitsalltags standhalten, Bewegungsfreiheit ermöglichen und ihre Funktion auch nach häufigem Tragen und Waschen beibehalten. Die Entwicklung besteht daher immer darin, Schutz, Komfort und Strapazierfähigkeit in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen.
bauSICHERHEIT: Die »Sun-Defender«-Produkte verfügen über einen UV-Schutz von UPF 40+. Welche Anforderungen müssen Materialien erfüllen, um diesen Schutz dauerhaft zu gewährleisten – auch nach häufigem Waschen und intensiver Nutzung auf der Baustelle?
Lisa Meissner: Der UV-Schutz eines Textils hängt von mehreren Faktoren ab: Entscheidend sind u. a. die verwendeten Fasern, die Gewebekonstruktion, das Stoffgewicht, die Farbe sowie zusätzliche textile Technologien. Synthetische Fasern wie Polyester sind beispielsweise gegenüber UV-Strahlung stabiler als Baumwolle und können einen Teil der Strahlung absorbieren oder streuen. Gleichzeitig lassen dichter gestrickte oder gewebte Materialien weniger UV-Strahlung durch als locker strukturierte Stoffe. Auch dunklere oder stärker pigmentierte Stoffe können die Schutzwirkung erhöhen.
Bei den »Sun-Defender«-Produkten wird der UV-Schutz durch das gezielte Zusammenspiel dieser Faktoren erreicht. Das »Sun-Defender«-Langarm-T-Shirt beispielsweise nutzt ein dichtes Interlock-Gewebe aus 100 Prozent Polyester. Durch die spezielle Strickkonstruktion werden die Zwischenräume im Material reduziert, wodurch weniger UV-Strahlung durch den Stoff dringen kann. In Kombination mit der »Sun Defender«-Technologie erreicht das Produkt einen UV-Schutzfaktor von UPF 40+ und blockiert damit mindestens 97,5 Prozent der UV-Strahlung.
Entscheidend ist dabei, dass der Schutz nicht nur unter Laborbedingungen funktioniert. Arbeitskleidung ist im Alltag Schweiß, Bewegung, Abrieb und regelmäßigen Waschzyklen ausgesetzt. Deshalb entwickeln wir unsere Produkte so, dass Schutzfunktion, Tragekomfort und Strapazierfähigkeit dauerhaft zusammenspielen und auch unter anspruchsvollen Einsatzbedingungen erhalten bleiben.
bauSICHERHEIT: Welche Technologien oder Materialinnovationen kommen derzeit bei Carhartt zum Einsatz, um die Belastung durch Hitze zu reduzieren? Gibt es beispielsweise neue Entwicklungen im Bereich kühlender Textilien oder anderer Faktoren?
Lisa Meissner: Ein wichtiger Ansatz ist das Feuchtigkeitsmanagement. Die »Carhartt ForceFastDry«-Technologie unterstützt beispielsweise dabei, Feuchtigkeit vom Körper wegzuleiten und ein schnelles Trocknen des Materials zu ermöglichen. Dadurch kann sich das Tragegefühl insbesondere bei körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten verbessern. Darüber hinaus spielen Materialauswahl und Konstruktion eine zentrale Rolle. Leichte Gewebe, atmungsaktive Strukturen und Bewegungsfreiheit durch Technologien wie »Rugged Flex« tragen dazu bei, den Tragekomfort auch bei höheren Temperaturen zu unterstützen.
bauSICHERHEIT: Wagen wir einen Blick in die berühmte »Glaskugel«: Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden fünf bis zehn Jahren im Bereich UV- und Hitzeschutz? Welche Innovationen könnten den Markt für Workwear und PSA z. B. besonders prägen?
Lisa Meissner: Wir gehen davon aus, dass UV- und Hitzeschutz künftig noch stärker zu einem festen Bestandteil moderner Workwear werden. Während solche Funktionen heute häufig als zusätzliche Eigenschaft wahrgenommen werden, könnten sie künftig zunehmend zum Standard werden. Außerdem erwarten wir eine weitere Entwicklung bei Materialtechnologien, die Schutz, Atmungsaktivität und Bewegungsfreiheit noch besser miteinander verbinden. Gleichzeitig wird die Nachfrage nach multifunktionalen Produkten steigen, die unterschiedliche Anforderungen – etwa Sonnenschutz, Feuchtigkeitsmanagement und Strapazierfähigkeit – in einem Kleidungsstück vereinen. Ein weiterer Trend dürfte die stärkere Sensibilisierung für Prävention sein. Unternehmen werden Gesundheitsschutz zunehmend ganzheitlich betrachten und dabei auch Bekleidung stärker in ihre Schutzkonzepte einbeziehen.
bauSICHERHEIT: Zum Abschluss: Wenn Sie Bauunternehmen nur drei Empfehlungen zum Schutz ihrer Mitarbeiter im Hinblick auf UV-Strahlung und Hitze mitgeben könnten, welche wären das?
Lisa Meissner: Ich würde empfehlen, Schutzmaßnahmen zu kombinieren. Kein einzelner Schutzmechanismus reicht aus. Die Kombination aus geeigneter Kleidung, Kopfbedeckung, Sonnencreme und organisatorischen Maßnahmen bietet den besten Schutz. Wo möglich, sollten außerdem besonders belastende Tätigkeiten in die kühleren Morgenstunden verlegt und ausreichend Pausen eingeplant werden. Geeignete Workwear ist ebenfalls ein wichtiger Faktor: Bekleidung sollte nicht nur robust sein, sondern auch Eigenschaften wie UV-Schutz, Atmungsaktivität und effektives Feuchtigkeitsmanagement bieten. Gerade bei regelmäßiger Arbeit im Freien kann sie einen wichtigen Beitrag zum Wohlbefinden der Beschäftigten leisten.