Die Bedürfnisse von Frauen im Blick: Workwear für Damen

Lesedauer: min | Bildquelle: SBM Verlag
Von: Jessy von Berg

In keinem anderen Wirtschaftszweig sind so wenig Frauen beschäftigt wie am Bau. Rund 10 Prozent Frauenanteil verzeichnet der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) im Bauhauptgewerbe, bezieht man das Ausbaugewerbe mit ein, sind es durchschnittlich 13 Prozent (Stand: 03/22). Mit etwas besseren Zahlen kann das Berufsfeld der Bauingenieure aufwarten: Rund 28 Prozent der Bauingenieure in Bauunternehmen sind inzwischen weiblich. Nichtsdestotrotz steht für den HDB fest: Der Bau muss weiblicher werden. Und grundsätzlich wird auch viel dafür getan, Frauen für Bauberufe zu begeistern. Das Problem: Die Branche gilt gemeinhin vielerorts nach wie vor als »Männerdomäne«. Darüber hinaus steht außer Frage, dass Frauen andere ergonomische Bedürfnisse haben als ihre männlichen Kollegen: Häufig sind beispielsweise Werkzeuge zu groß für Frauen, die im Durchschnitt kleinere Hände haben und im Verhältnis zu Männern anders proportioniert sind. Diese körperlichen Unterschiede spielen nicht zuletzt auch bei der Auswahl der Workwear eine Rolle. Daher beinhalten immer mehr Berufsbekleidungskollektionen neben den klassischen Herrenschnitten auch Workwear, die eigens auf die weibliche Figur abgestimmt ist: Zu lange Ärmel, zu weit geschnittene Jacken oder schlecht sitzende Arbeitshosen gehören damit der Vergangenheit an. Auf der diesjährigen A+A hat die Redaktion der bauSICHERHEIT mit einigen Herstellern in diesem Segment gesprochen und genauer nachgefragt, worauf es bei Workwear und Sicherheitsschuhen für Frauen ankommt.

Grundsätzlich sollte Workwear vor allem eines sein: bequem und funktionell. Auch die Passform spielt eine entscheidende Rolle, auch im Hinblick auf die Sicherheit. Denn: Zu weite Kleidungsstücke erschweren mitunter nicht nur die Arbeit, sondern können beispielsweise auch das Risiko erhöhen, stecken zu bleiben. Gerade deswegen ist es wichtig, sowohl für Männer als auch für Frauen und ihre unterschiedlichen Körperformen Workwear zu entwickeln, die zum einen strapazierfähig ist und zum anderen gut sitzt. Bei zertifizierter Kleidung gilt es darüber hinaus noch weitere Sicherheitsaspekte zu beachten, die auch beim Design berücksichtigt werden müssen. So müssen beispielsweise bei Warnkleidung die fluoreszierenden und reflektierenden Bereiche eine bestimme Größe haben, um eine bestimmte Sicherheitsklasse zu erreichen. So kann es mitunter bei kleineren Größen schwierig sein, die höchste Sicherheitsstufe zu erreichen. Nichtsdestotrotz haben zahlreiche Hersteller ihr Portfolio in der Vergangenheit um Workwear und Persönliche Schutzausrüstung (PSA) für Damen erweitert.

Katharina Humbs zeigte auf der A+A 2023 den Unisex-Hoodie der neuen »Flextreme«-Linie von Haix. Eine Erweiterung der Kollektion um Damenmodelle ist in Zukunft noch geplant.

Die Passform macht den Unterschied

Generell verzeichnen die Hersteller eine hohe Nachfrage nach Stretch, insbesondere im Taillenbereich, um den Tragekomfort und die Bewegungsfreiheit zu erhöhen. Workwear-Hosen für Frauen sind häufig auch mit einem höheren Bund ausgestattet, während beispielsweise Fristads bei Kapuzenpullovern und Jacken häufig einen Zwei-Wege-Reißverschluss einsetzt, sodass das Kleidungsstück über den Hüften individuell gelockert werden kann. Für den schwedischen Hersteller ist darüber hinaus wichtig, keine spezielle Kleidung nur für Frauen zu entwerfen. Viel mehr liege der Fokus darauf, innerhalb einer Kollektion sowohl Frauen- als auch Herrenmodelle der jeweiligen Stücke anzubieten, die in enger Zusammenarbeit mit den Anwendern entwickelt und in Tests geprüft werden. Dabei werden neben der Strapazierfähigkeit und der Platzierung der Taschen auch getestet, ob Bewegungsabläufe wie Klettern oder Knien ohne Einschränkung durch die Kleidung durchgeführt werden können. Denn nur wenn die Workwear richtig sitzt und optimal passt, wird sie gern getragen, weiß Fristads.

Fündig werden Frauen im Hinblick auf Workwear zudem bei Uvex: Das Unternehmen hat beispielsweise mit »Uvex suxxeed craft« eine robuste und nachhaltige Kollektion im Portfolio, die sowohl Männer- als auch Damenmodelle umfasst. Die Kleidung punktet durch zahlreiche Taschen, die ausreichend Stauraum für Werkzeuge oder das Smartphone bieten, sowie durch das 4-Wege-Stretch-Material, das für eine hohe Bewegungsfreiheit sorgt. Kniepolstertaschen erhöhen den Tragekomfort. Zur Kollektion gehören beispielsweise Bundhosen, Wetter- und Softshelljacken.

 

Diadora hat bei »Athena« insbesondere an speziellen Formen, Schnürungen und Fittings gearbeitet, um die bestmögliche Passform zu erzielen.

Auch der Kölner Traditionshersteller Bierbaum Proenen (BP) bietet in den verschiedenen Kollektionen Damenschnitte an. »Die Stückzahlen sind zwar kleiner, aber für uns sind Damenmodelle selbstverständlich. Denn nur so können Unternehmen vollständig von BP ausgestattet werden«, erklärt Marketingleiter Jan Sielemann im Gespräch mit der bauSICHERHEIT-Redaktion. BP bietet dementsprechend beispielsweise auch im Multinorm- und im Hi-Vis-Bereich Damenschnitte an. Diese sind in Zusammenarbeit mit Frauen aus der Branche entstanden und dementsprechend genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Berücksichtigt wird also nicht nur die andere Anatomie des weiblichen Körpers, sondern auch dass Frauen mitunter völlig andere Anforderungen an ihre Kleidung stellen als ihre männlichen Kollegen.

Erweiterungen des Portfolios geplant

Als Messeneuheit stellte Haix die ersten Modelle seiner neuen »Flextreme«-Kollektion vor, die voraussichtlich in der ersten Hälfte des kommenden Jahres auf den Markt kommen soll. Für die Zukunft soll die Kollektion, die aktuell unter anderem Unisex-Modelle umfasst, um Damen-Modelle erweitert werden. »Wir haben bereits hier auf der Messe eine große Nachfrage nach Damen-Modellen bemerkt«, so Nina Lehner, Produktmanagerin Funktionskleidung bei Haix. »Daher ist es für uns der logische Schritt, diese nach und nach in die Kollektion zu integrieren.«

Darüber hinaus plant auch Kübler, sein Portfolio im kommenden Jahr um Damenmodelle für seine Kollektionen »Reflectiq«, »Hi Vis« sowie »Activiq« zu ergänzen. Dabei habe man bei der Erstellung der Schnitte auf verschiedene Körperformen geachtet, beispielsweise lange oder kurze Oberkörper, wie Eva Horn, Marketing Manager bei Kübler, der Redaktion gegenüber erklärt. Man wolle keine »Damenmodelle von der Stange« herstellen.

Zum Produktportfolio von Haix gehört auch eine breite Range an Sicherheitsschuhen für Frauen, die auf einem  schmaleren Leisetn gefertigt werden.

Sicherheitsschuhe speziell für Frauen

Grundsätzlich gilt: Es gibt keine anderen Richtlinien für Sicherheitsschuhe für Damen, d. h. die Schuhe müssen den gleichen Einwirkungen standhalten und die Normen genauso einhalten wie Herren- oder Unisex-Modelle. Da Sicherheitsschuhe aber häufig erst ab Größe 39 verfügbar sind, haben einige Hersteller gezielt Modelle für Frauen entwickelt, die bereits ab Größe 35 beginnen. Darüber hinaus kann es bei den Damenschuhen mitunter Unterschiede bei der Machart des Schuhs geben: Sicherheitsschuhe kommen generell mit einem gewissen Gewicht, sodass für die Damenmodelle häufig leichtere Materialien wie Kevlar verwendet werden, um einer schnellen Ermüdung vorzubeugen.

Darüber hinaus haben Frauen im Durchschnitt schmalere und kürzere Füße als Männer. Aus diesem Grund wurde ein spezieller Leisten entwickelt, der die Schuhe insgesamt etwas schmaler und flacher macht. Sie bieten für Frauen insgesamt eine bessere Passform, die der Anatomie gerechter wird und so Druckstellen, schmerzhaften Blasen oder auch Verspannungen entgegenwirkt. Denn gerade wenn der Schuh täglich getragen werden muss, sollte er gut sitzen und weder zu weit noch zu eng sein, um Fuß- und Haltungsschäden vorzubeugen und die Unfallgefahr zu minimieren.

Für verschiedene Arbeitsbereiche

Jeder Hersteller individualisiert seine speziell auf einem Damenleisten gefertigten Schuhe anders. Gemeinsam ist ihnen häufig ein geringeres Gewicht und eine Größenauswahl ab Schuhgröße 35.


Workwear-Spezialist Haix bietet beispielsweise Sicherheitsschuhe für Frauen in verschiedenen Branchen an, darunter Landwirtschaft, Bau sowie andere Outdoor- und Indoor-Bereiche. Alle Modelle werden grundsätzlich auf dem schmaleren Leisten für Frauen gefertigt, um nicht nur für eine optimale Passform, sondern damit verbunden auch für einen hohen Tragekomfort zu sorgen. Zum Portfolio von Haix gehört beispielsweise der »Connexis Safety+ GTX LTR WS MID« der Schutzklasse S3, der mit dem »Connexis«-Faszien-Tape ausgestattet ist. Dieses stimuliert die Fußmuskulatur und gibt mehr Ausdauer im Arbeitsalltag. Übrigens: Mit dem Zusatz »WS« im Produktnamen kennzeichnet Haix seine gesamte Range an Sicherheitsschuhe für Frauen.

Auch für Hersteller Elten steht fest: Frauen brauchen Sicherheitsschuhe, die passen. Daher hat das Unternehmen bereits in der Vergangenheit begonnen, sein Portfolio dementsprechend zu erweitern. Inzwischen gehört eine breite Auswahl an Damenmodellen zum Sortiment, die genau auf die Anatomie eines Frauenfußes zugeschnitten sind. So können Frauen zu Beispiel auf den S3-Sicherheitsstiefel »Lena Boa Mid ESD S3« der »Trekking Lady«-Serie zurückgreifen, der ab Größe 34 verfügbar und zudem mit dem Drehverschluss des »Boa Fit«-Systems ausgestattet ist. Die Damenmodelle des Herstellers sind entweder an den weiblichen Namen oder dem Zusatz »Lady« erkennbar. Dabei erfüllen die Damenpassformen ebenso alle gängigen Normen für die verschiedenen Schutzklassen.

Ebenso bietet ISM Heinrich Krämer mit seinen Eigenmarken »Puma Safety« und »Albatros« eine umfangreiche Produktpalette an Damenmodellen, die ebenfalls auf einem schmaleren Leisten aufgebaut sind. »Wir haben bereits vor über zehn Jahren mit Damenmodellen gestartet«, erklärte Christian Balzer, Leitung Gesamtvertrieb, im Gespräch mit der Redaktion. Dabei habe man von Händlern und Kunden überwiegend positive Resonanz erhalten. Zum Portfolio gehört zum Beispiel der »Velocity 2.0 Low S3 ESD«, der durch eine zweifache Sohlenkonstruktion mit einer zweifach geschäumten Mittelsohle aus »Impulse.Foam« in unterschiedlichen Dichten auch an langen Arbeitstagen für hohen Tragekomfort sorgt. Zudem unterstützt das »evercusionBA«-Fußbett die natürliche Abrollbewegung des Fußes.

Die weibliche Anatomie als wichtige Grundlage

Noch einen Schritt weiter geht Diadora mit seiner »Athena«-Kollektion, die im Mai dieses Jahres erstmalig vorgestellt wurde. Der italienische Hersteller hat einen Schuh entwickelt, der nicht nur aus stilistischer, sondern auch aus physiologischer und biomechanischer Sicht auf die weibliche Anatomie abgestimmt ist. »Athena« entstand in enger Zusammenarbeit zwischen dem Forschungszentrum von Diadora und dem Instituto de Biomecánica de Valencia (IBV). Neben der Untersuchung der Morphologie des weiblichen Fußes hat Diadora wissenschaftliche Labortests durchgeführt, um ein maßgeschneidertes Angebot speziell für Damen zu entwickeln. Wichtig war für das Unternehmen nach eigenen Angaben, einen Schuh zu entwickeln, der Design und Sicherheit kompromisslos miteinander verbindet.

Darüber hinaus wurden sowohl bei Tragetests als auch im Entwicklungsprozess der »Athena«-Schuhe Probandinnen einbezogen, sodass ihre Bedürfnisse im Arbeitsalltag berücksichtigt werden konnten. Diadora hat dabei nach eigenen Angaben insbesondere an speziellen Formen, Schnürungen und Fittings gearbeitet, um die bestmögliche Passform zu erzielen und den weiblichen Fuß sicher zu stützen. Neben den Modellen der »Athena«-Kollektion, die zwei Modelle der Schutzklasse S1P und drei der Schutzklasse S3 umfasst, bietet Diadora darüber hinaus Schuhe der Linien »Shark Stable« und »Glove MDS« für Damen an.jvb

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