Im Blickpunkt

Vom Hanfseil-Hersteller zum Komplett-Dienstleister

Als im Jahre 1812 Johann Friedrich Wiedenmann in Fürth mit der Herstellung von Hanfseilen begann, gab es noch nahezu in jedem Ort eine Seilerei. Mehr als 200 Jahre später spielen bei der heutigen Wiedenmann GmbH zwar Seile immer noch eine große Rolle. Aber längst hat sich das mittelständische Unternehmen vom reinen Hersteller zum System-Dienstleister für alle Fragen und Produkte rund ums Halten, Heben und Sichern entwickelt. Wenn es um Hebeketten bzw. -bänder oder Rundschlingen, Ladungssicherung, Anschlagmittel oder Fragen zur Höhenarbeit geht, bietet das Unternehmen Lösungen aus einer Hand. Das wichtigste Projekt für dieses Jahr ist die Gründung einer eigenen Akademie (siehe »Service: AGORA-Akademie« auf Seite 13), um dort durch gezielte Schulungen zum Thema Arbeitssicherheit, Höhenarbeit sowie Sachkunde und Maschinen die Anwender auf dem aktuellen Stand zu halten.

Von Jan Rieken
Im Gespräch mit der bau­SICHERHEIT am Firmensitz der Wiedenmann-Gruppe, der seit 1965 im unterfränkischen Marktsteft liegt, schildert Inhaber und Geschäftsführer Bernhard Etzelmüller die Vorstellungen, die er und seine ca. 140 Mitarbeiter von »Lösungen aus einer Hand« haben_ Und das heißt bei ihm, dass Wiedenmann inzwischen am kompletten Prozess der Wertschöpfung über den gesamten ­Lebenszyklus eines Produktes beteiligt ist_ von der Beratung über die Konzeption zur Produktion und ­danach bei Unterweisung, Wartung und Revision. Bei Prüfung, Revision und Reparatur ist das Unternehmen längst auch mit Produkten anderer Hersteller beschäftigt, ebenso beim Verkauf.Handwerkliche Kenntnis verschwindet zusehends
Die ursprünglichen Produkte des Unternehmensgründers, Erntegarben und Stricke zum Führen von Tieren, waren einst begehrt. Seit Hanfseile nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, ist dieses Handwerk heute oft nur noch bei Straßennamen vertreten. »Verschwinden die Seilereien, verschwindet auch die handwerkliche Kenntnis zunehmend«, beklagt Etzelmüller und macht damit deutlich, worum es in seinem Unternehmen heute geht_ Am teilweise ­ruinösen Preiskampf ums billigste Produkt will er nicht teilnehmen, kauft deshalb auch Produkte zu. »Aber wir behalten das Know-how bei uns«, verrät er – und das kann sich sehen lassen (siehe auch »Das Unternehmen« auf Seite 14). Schließlich geht es ­darum, sich als Unternehmen immer wieder neu zu erfinden und mit den Produkten am Markt präsent zu sein, die gerade gefragt sind.
Dieser Herausforderung sahen sich auch die ­früheren Firmenlenker gegenüber, zum Beispiel im Jahr 1936, als Wiedenmann mit der Produktion von Stahlseilen begann. Diese und andere weitsichtige unternehmerische Entscheidungen wurden ebenso getroffen wie im Jahr 1970, als das Unternehmen mit der Fertigung von Hebebändern begann, oder 1975, als die Entscheidung fiel für den Reparatur­service von Hebezeugen. Um Services und Produkte flächendeckender anbieten zu können, wurden im selben Zeitraum Niederlassungen in Würzburg (1974) und später in Nürnberg (1982) gegründet.Weitere Expansion und neues Geschäftsfeld
Als Bernhard Etzelmüller 1982 mit seinem Bruder Arnd das Unternehmen vom Vater Rudolf Etzel­müller übernimmt, hat er schon weitere strategische Ziele vor Augen. Begünstigt von Mauerfall und Wiedervereinigung wird 1993 die Niederlassung in Brehna bei Halle gegründet, wo auch die ­Produktion von Polyesterrundschlingen angesiedelt wird.
Seine Tiefe am Markt und in der Materie hat das Unternehmen weiter ausgebaut, als – beginnend mit einer Qualifizierung zum Schweißfachbetrieb im Jahr 2003 – der Grundstein gelegt wurde für die spätere »Stahlmanufaktur«, die heute mit Lösungen für Traversen und Pressen 12 % zum Umsatz beisteuert, Tendenz steigend.
Die Herausforderungen von heute heißen indes »voranschreitende Digitalisierung« und »Internet der Dinge« (IoT, Internet of Things) und es geht nach wie vor darum, die passenden Antworten und Produkte zu liefern. Seit 2011 verstärkt deshalb eine eigene IT-Abteilung das Unternehmen_ Es geht um die Entwicklung der Software »tagIDeasy«, die mittels ­eines eingebauten Chips mit »Radio-Frequency Identification« (RFID) jeden Ausrüstungsgegenstand identifizieren und Informationen dazu abspeichern kann_ Die »Open Source«-Software bietet Datenerfassung und Prüfplanung für alle wiederkehrend prüfpflichtigen Anlagen und Geräte; Prüfzeugnisse, Prüfhistorie sowie Dokumente lassen sich hinterlegen und verwalten, ebenso Prüf- und Wartungspläne, Stücklisten, Anleitungen, Anwenderfilme sowie Risiko- und Gefährdungsbeurteilungen.

»Verschwinden die Seilereien, verschwindet auch die handwerkliche Kenntnis zunehmend.«
Bernhard Etzelmüller,
Inhaber und Geschäftsführer, Wiedenmann GmbH

Richtige Anwendung macht Ausrüstung erst sicher
Darin, bekräftigt auch Prokurist und Mit-Geschäftsführer Oliver K. Schmidt im Redaktions-Gespräch, liegt die Zukunft_ Für viele sei das »IoT« an einzelnen Ausrüstungskomponenten zwar noch Zukunfts­musik, man dürfe es aber nicht als unwichtig abtun oder gar aus Kostengründen ablehnen. »Das eine kostet vielleicht Geld – alles andere aber womöglich das Leben«, bringt er es auf den Punkt. Denn dem Hersteller geht es mit Lösungen wie dieser neben der rechtssicheren Dokumentation von Instand­haltungsmaßnahmen um jene Sicherheit, die nicht von selbst oder nur durch das bloße Vorhandensein von Sicherheits- oder Schutzausrüstung entsteht, sondern erst durch ihre korrekte Anwendung.

Verantwortung steht vor Wachstum
Und obwohl sich bei Wiedenmann im täglichen Tun vieles in luftiger Höhe abspielt_ Zur Unternehmensphilosophie, die auf Vertrauen und hohen moralischen Werten basiert, passt der Blick in die Zukunft. Für Bernhard Etzelmüller ist ein jährliches Wachstum von 5 % völlig ausreichend, »solange gewährleistet ist, dass auch weiterhin alles aus einer Hand kommt!« Damit wird er seiner Verantwortung – übrigens für alle Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden einsehbar und klar geregelt und auf der Firmen-Home­page einsehbar – gerecht. Und natürlich auch dem Slogan, den sich das Unternehmen selbst ­gegeben hat_ »…weil viel davon abhängt!«.

 

AGORA-Akademie


Die »Agora-Akademie für Arbeitsschutz« ist derzeit noch im Bau_ Sie liegt auf der Halbinsel Pouch im Goitzsche-See zwischen Muldestausee und Goitsche, südlich von Bitterfeld und unweit der Wiedenmann-Standorte Brehna und Leuna. Dort entsteht demnächst eine moderne Tagungsstätte, die noch in diesem Jahr als Bildungseinrichtung in den Bereichen »Arbeiten mit besonderen Gefährdungen« sowie Arbeitsschutz, Digitalisierung und Managementsysteme ihren Betrieb aufnehmen will.
Im Mittelpunkt stehen Anwenderkurse wie »Höhenarbeit, Absturzsicherung und Retten«, Industriekletterkurse nach FISAT-Level 1 bis 3 sowie »Spezielles Retten aus Höhen und Tiefen« (SRHT), aber auch Sachkundeschulungen nach DGUV sowie Unterweisungen nach BetrSichV. Das Angebot wird abgerundet durch Dienstleistungen im Bereich Beratung, Coaching, Consulting und Gutachten.
Die Bildungsstätte ist von DGUV und Berufsgenossenschaften anerkannt und kooperiert mit diversen Hoch- und Berufsschulen sowie der IHK.
Weitere Infos online unter www.agora-akademie-goitzsche.de

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